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Wenn alles fließt und nichts mehr stört

Beyond Science

Was haben eine Tänzerin, ein Uhrmacher oder ein Bergsteiger gemeinsam? Sie erleben den Flow – Zeiten, in denen alles stimmig ist.

Jeden Morgen sitzt Julia F. Christensen in einem kleinen Café und arbeitet. Die Finger der Psychologin fliegen über die Tastatur ihres Laptops. Nur gelegentlich schaut sie aus dem Fenster oder nippt an ihrem Kaffee. „Für die meisten Leute sieht das tatsächlich nach Arbeit aus“, sagt die gebürtige Dänin und lächelt. „Ich empfinde das aber anders – ich bin dann in meinem Flow.“

Der Flow beschreibt einen Zustand völliger Versenkung in Gedanken oder eine Tätigkeit: Die Außenwelt rückt in den Hintergrund, das Zeitgefühl verschwindet, Selbstzweifel lösen sich auf. Der ungarisch-amerikanische Psychologe Mihály Csíkszentmihályi beobachtete dieses Phänomen in den 1970er-Jahren vor allem bei Künstlern, Schauspielern, Bergsteigern und auch Chirurgen. Er leitete daraus den Begriff Flow ab. Seine zentrale Erkenntnis: Ein Flow entsteht, wenn sich Herausforderungen und Fähigkeiten im Gleichgewicht befinden – wenn eine Aufgabe also nicht zu leicht und nicht zu schwer ist.

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Jeder kann den Flow erleben

Für Julia F. Christensen war das eigene Erleben der Auslöser, sich dem Thema auch wissenschaftlich zu nähern. „Ich schrieb damals meine Abschlussarbeit – und vergaß, dabei zu essen, sogar die Zeit. Dieses Gefühl hat mich fasziniert.“ Heute forscht sie am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt und hat ein Buch geschrieben: „Der Flow-Kompass“. Sie ist überzeugt: Flow ist kein Privileg für Hochleistende. Jeder Mensch kann ihn erleben – und sollte es auch. Denn: Sich im Flow zu befinden, ist gesund.
Auch der Uhrmacher Jörg Lüdeking erlebt diesen Zustand regelmäßig, wenn er die Lupe aufsetzt und sich in seine Mikrowelt aus Zahnrädern, Schränkchen und Federn begibt. „Ich fühle mich entrückt und entspannt, so wie beim Meditieren“, sagt er. „Erst wenn ich das Gehäuse wieder schließe und die Lupe abnehme, spüre ich, wie anstrengend die Arbeit eigentlich war“, sagt er. Das Beispiel zeigt: Der Schaffensrausch schärft den Fokus und richtet das Bewusstsein auf das Hier und Jetzt.

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Freude ohne Bewertung

Kein Wunder, dass Menschen, die den Flow regelmäßig erleben, Studien zufolge emotional stabiler sind. Sie fühlen sich gesünder und empfinden ihren Alltag als erfüllender. Auch das Gehirn reagiert messbar auf diesen Zustand: Neben Dopamin werden Endorphine, Endocannabinoide und körpereigene Opioide ausgeschüttet – allesamt Botenstoffe, die Motivation, Entspannung und Wohlbefinden fördern. Die Fähigkeit des Gehirns, Nervenzellen neu zu vernetzen – die sogenannte Neuroplastizität – wird gestärkt. Gleichzeitig sinkt der Spiegel des Stresshormons Cortisol.

Was aber unterscheidet das entspannte Schreiben im Café vom hektischen Verfassen unter Zeitdruck? Christensen erklärt: „Ein Flow entsteht oft dann, wenn wir einer Tätigkeit ohne äußeren Druck nachgehen – also schreiben, tanzen, malen, ohne das Ergebnis sofort mit anderen zu teilen.“ Wenn wir uns jedoch beobachtet oder bewertet fühlen, tritt der sogenannte Danger of Disclosure, die psychische Gefahr der Offenbarung ein. Das blockiert kreatives Denken und fördert Stress. Für den Flow braucht es hingegen Momente, in denen wir uns sicher fühlen und ganz wir selbst sein können.

Doch in einer schnelllebigen Welt voller Nachrichten und Termine kann es schwer sein, diese Momente zu finden, nicht zuletzt durch die allgegenwärtigen sozialen Netzwerke. Sie ziehen uns ebenfalls in den Bann, in einen Media-Flow. Julia F. Christensen: „Doch dieser Flow aktiviert keine echte Zufriedenheit, sondern vor allem das schnelle Belohnungssystem im Gehirn: Lust, Reiz, Ablenkung. Innere Unruhe ist oftmals die Folge.“

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Bewegung hilft beim Abtauchen

Viele Menschen erleben den Fluss eher ungeplant – beim Malen, Musizieren oder Gärtnern. Doch er lässt sich auch gezielt fördern. Bewegung spielt dabei eine Schlüsselrolle. Julia F. Christensen war Profiballetttänzerin, bevor ein Unfall ihre Karriere beendete und sie sich der Psychologie zuwandte. Wenn sie heute tagsüber eine Auszeit braucht, tanzt sie oder geht spazieren. „Bewegung bringt mich zurück in den Flow“, sagt sie. „Sie ist wie ein Türöffner zu tieferen Zuständen.“ Ein Zustand, den viele Ausdauersportler kennen.

Dass sich dieser nicht immer sofort einstellt, ist normal. „Man kann das mit dem Sprachenlernen vergleichen“, sagt Christensen. „Grammatik, Vokabeln, Satzbau: Am Anfang ist alles mühsam. Doch mit der Zeit wird es flüssiger, freier, intuitiver.“ In ihrem Buch nennt sie das den „Zirkel des Phönix“: Man beginnt als Küken, wächst, entfaltet sich, verbrennt – und fängt wieder von vorn an. „Wir dürfen Anfänger sein. Immer wieder. Und genau dadurch erneuert sich auch unser Zugang zum Flow.“

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Flow ist Selbstfürsorge

Neuanfänge und kreative Durststrecken zu akzeptieren, ist Teil dessen, was einen Flow langfristig möglich macht. „Wer sich traut, zu üben, zu scheitern und es noch einmal zu versuchen, legt die Basis dafür, dass das Gehirn den Flow-Zustand nicht nur kennt, sondern regelrecht sucht“, sagt Julia F. Christensen. „Ich zumindest vermisse das morgendliche Schreiben sehr, wenn ich es einmal ausfallen lassen muss.“Flow ist also kein Zufall – sondern ein Geschenk, das wir uns selbst machen können: durch Achtsamkeit, Neugier und die Bereitschaft, uns ganz einzulassen. Denn wer einen Flow erlebt, ist nicht nur klar im Kopf, sondern ganz bei sich selbst.

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Buchtipp

Dr. Julia F. Christensen: Der Flow-Kompass: Ein wissenschaftlicher Wegweiser zu mehr Gelassenheit und Glücksmomenten | Mit Flow zu mehr Ruhe und Ausgeglichenheit.

llstein 2024.

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